Erinnerung der Redakteurin Anja Sabel

Für unsere Sommerserie im Jahr 1996 besuchten wir besondere Museen im Bistum Osnabrück. Auf unserer Liste stand auch die Kunsthalle in Emden – und die ist untrennbar mit dem Namen Henri Nannen verbunden. Der Vollblutjournalist, der als Gründer und Chefredakteur den „Stern“ zum damals auflagenstärksten Magazin Deutschlands machte, sammelte auch Kunst. Seine Kunstsammlung stiftete er später dem Museum, dessen Bau er und seine Frau Eske vorangetrieben hatten. Kurz gesagt: Der Museumssommer-Teil aus Emden führte an Henri Nannen nicht vorbei. Ein Termin wurde vereinbart und ich fuhr hin.

Doch als ich in der Kunsthalle ankam, begrüßte mich Eske Nannen mit einer Hiobsbotschaft. Ihrem Mann gehe es nicht gut, ein Gespräch sei heute nicht möglich. Ich war enttäuscht, und das sah man mir an. Frau Nannen versprach deshalb, später noch einmal nachzuhaken. Bevor sie mich durch das Museum führte, tranken wir eine Tasse Tee – nach ostfriesischer Tradition, die ich damals noch nicht kannte. Kluntje in die Tasse geben, mit heißem Tee übergießen und anschließend mit einem Sahnelöffel ein Wulkje (eine Sahnewolke) vorsichtig am Tassenrand hinzufügen, ohne zu rühren – das habe ich von ihr gelernt.

Überraschung dann etwa eine Stunde später: Ihr Mann hatte einem Interview nun doch zugestimmt. Ein Chauffeur brachte mich zum Privathaus der Nannens. Ich war aufgeregt. Henri Nannen saß auf der Couch im großen hellen Wohnzimmer mit Blick auf den Garten, in Jogginghose, sichtlich geschwächt, aber auskunftsfreudig, was sein „zweites Leben“, die Kunst, betraf. Ein Detail, das sich mir eingeprägt hat: Während unseres Gesprächs kaute er unentwegt Nüsse.


Wenige Monate später, im Herbst 1996, starb Henri Nannen – und ich kaufte mir sofort die Biografie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Der große Mann vom „Stern“ war nicht unumstritten, aber ich war beeindruckt, wieviel Leben in ein einziges Leben passt. Und ich las auch, dass er streng war und Journalistenschüler anschnauzte, wenn ihm Texte und auch Fragen nicht passten. Da hatte ich als noch etwas unsichere Jungredakteurin wohl Glück, dass Nannen schon altersmilde war. 

Anja Sabel (55), aufgewachsen in der DDR, sammelte ihre ersten journalistischen Erfahrungen bei einer Tageszeitung in Halle an der Saale. 1993 kam sie als Redakteurin zum Kirchenboten und absolvierte später noch ein berufsbegleitendes Journalismus-Studium an der Freien Universität Berlin. Sie ist Ansprechpartnerin für die Dekanate Bremen und Twistringen und arbeitet im Online- und Social-Media-Bereich. Besonders gern setzt sie sich mit deutsch-deutscher Geschichte und dem interreligiösen Dialog auseinander.