Erinnerung der Volontärin Lisa Discher

Es ist nicht mein schönster, aber der bewegendste Moment, den ich an dem Herbsttag damals machte: Osnabrücker Johannisfriedhof, Regen, zwischen alten Bäumen und Grabsteinen stehen Menschen in bunten Regenjacken und singen. „My Bonny is Over the Ocean“. Das Merkwürdige: Sie alle einte ein Verlust, sie sangen gegen die Trauer. Trotzdem lachten sie.


Für eine Reportage hatte ich Trauerbegleiter Steffen Brockmeyer und die Musiktherapeutin Sabine Weymann begleitet. Sie hatten zuvor zum Singen auf den Friedhof eingeladen. Ich war gekommen, um zu beobachten, zu fragen, zu schreiben. Über das, was mir so ungewöhnlich schien: singen zwischen Gräbern. Geblieben ist dieser Moment – und die Erzählungen, die danach folgten.

Etwa die Geschichte über eine ältere Dame im Hospiz, die 60 Jahre in einem Chor gesungen hatte. Kurz bevor sie starb, versammelten sich ihre früheren Mitsängerinnen und Mitsänger auf der Terrasse ihres Zimmers und sangen für sie. Und wie der Trauerbegleiter leise sagte: „Vielleicht hat es ihr geholfen zu gehen.“

An diesem Tag auf dem Friedhof habe ich verstanden, was den Beruf der Journalistin so besonders macht: Menschen öffnen sich, lassen mich teilhaben an verletzlichen Momenten. Sie vertrauen mir ihre Geschichten an. Ich höre zu, behalte manches für mich, wäge ab, was ich weitergebe und was nicht. Respektvoll, wertschätzend und darauf achtend, keine billige Schlagzeile aus den Erlebnissen anderer Menschen zu machen.

Lisa Discher (29) ist in Süddeutschland aufgewachsen und kam für die Ausbildung zur Redakteurin zum Kirchenboten nach Osnabrück. Erste Berufserfahrungen sammelte sie bei Tageszeitung und öffentlich rechtlichem Rundfunk in Freiburg. Besondere Herzensthemen: Gleichstellung, Umwelt und Interreligiösität. Und: Sie ist großer Fan von Social Media, Video und Audio.