Erinnerung des Redakteurs Matthias Petersen

Frühjahr 1993. Ein Dorf in der Nähe von Breslau. Gleich wird etwas passieren, was mich noch heute berührt. Eine Frau sieht zum ersten Mal nach fast 50 Jahren ihren Heimatort wieder, den sie 1945 Hals über Kopf verlassen musste.

Die Frau und ihr Mann gehören zu einer Reisegruppe der Caritas Braunschweig. In die alte Heimat Schlesien soll es gehen. Als Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung bin ich dabei, um eine Reportage zu schreiben, die auch im Kirchenboten veröffentlicht wird. Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, können die Senioren wieder dort hin, wo sie ihre frühe Kindheit verlebt haben. Doch mancher hat es bisher nicht geschafft, hat es sich vielleicht auch nicht getraut.


So wie die Frau, die sich zusammen mit ihrem Mann in Breslau ein Taxi genommen hat. Mich haben sie mitgenommen, damit ich unmittelbar erleben kann, was jetzt passiert. Als wir das Ortsschild passieren, wird die Frau immer unruhiger. Knapp deutet sie dem Taxifahrer an, wo er langfahren muss. Plötzlich hält sie den Arm ihres Mannes ganz fest. „Hans, Hans“, ruft sie, und ich habe diese Worte heute noch im Ohr. „Hans, da ist es!“

Ein schmuckloses Mehrfamilienhaus. Das Taxi stoppt, wir steigen aus. Tränen kommen. Das Ehepaar hält sich aneinander fest. Vor dem Haus haben sich einige Bewohner versammelt, andere schauen aus den Fenstern. Fragende Blicke. Die einen können kein Polnisch, die anderen kein Deutsch. Aber es scheint doch jeder zu verstehen, was hier gerade passiert. Ob sie das Haus von innen sehen wolle, fragt ihr Mann. Die Frau schüttelt entschieden den Kopf. Nein, was sie sieht, reicht ihr schon.

Ein paar Augenblicke später hat sich die Aufregung gelegt. Wir gehen einige Schritte zu einem Flussufer. Entspannung. Bei der Frau kommen Erinnerungen hoch. Und ihr Mann, der immer in der Nähe von Braunschweig gelebt hat, kann jetzt etwas mehr nachvollziehen, wie sich seine Frau damals, im Frühjahr 1945, gefühlt haben muss. Und was ihr bisher gefehlt hat.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie es dazu kam, dass die beiden ausgerechnet mich mitgenommen haben. Bei der Abreise in Braunschweig hatte ich mich den Senioren vorgestellt und gefragt, ob mir jemand von seinen Erfahrungen bei dieser Reise erzählen wolle. Das Ehepaar kam anschließend auf mich zu. Ob denn meine Eltern Gebina und Rudolf seien? „Ja, die kennen wir gut, wir unternehmen bei Kolping vieles gemeinsam.“  Sofort war Vertrauen da. „Sie können uns gerne begleiten.“ Das Netzwerk der Kirche hat geholfen.

Matthias Petersen (61) ist im Bistum Hildesheim aufgewachsen und war nach seinem Volontariat Lokal- und Sportredakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Nach elf Jahren als Redakteur bei der Hildesheimer KirchenZeitung kam er 2001 als Leiter der Bistumsredaktion zum Kirchenboten.