Agnes heiratet eine Familie

Erinnerung aus der Leserschaft

Der Kirchenbote hat auch Ehen angebahnt – wie die von Agnes und Theo Lührsen aus Twistringen. Ohne eine Kontaktanzeige 1965 in der Kirchenzeitung hätten sie sich nicht kennengelernt. Beide sind schon gestorben, deshalb erzählt Anke Lührsen die Geschichte ihrer Eltern.

Der gemeinsame Lebensweg von Agnes und Theo Lührsen begann im September 1965 im Kirchenboten – genauer gesagt in der Rubrik „Heiratsanzeigen“. Der Text war knapp und pragmatisch formuliert: „Bin Witwer, 39 Jahre, suche Lebensgefährtin und Mutter für meine drei Kinder, 12, 7 und 3 Jahre. Bildzuschrift unter …“.

Anke Lührsen, die jüngste Tochter und Lehrerin an einer Förderschule in Cloppenburg, lacht. „Darauf hätte ich mein Lebtag nicht geantwortet.“ Aber ihre Mutter Agnes, geborene Büscher, traute sich. Mit Erfolg. Denn es blieb bei diesem ersten und einzigen Antwortbrief. Dass sie den späteren Ehemann nur im Gesamtpaket bekommen konnte, störte sie nicht. Im Gegenteil. „Meine Mutter mochte Kinder, das fand sie gut.“

Anke Lührsen sitzt an einem milden Märztag am Wohnzimmertisch ihres Hauses und blättert im Hochzeitsalbum ihrer Eltern. Die Kennenlerngeschichte, sagt sie, habe immer mal wieder die Runde gemacht. „Aber die Anzeige habe ich nie gesehen.“ Erst nach dem Tod ihrer Mutter vor fünf Jahren forschte sie nach und wurde im Archiv des Kirchenboten fündig. 

Die erste Frau von Theo Lührsen aus Twistringen starb an einer verschleppten Mandelentzündung. Von heute auf morgen stand der Vater mit drei kleinen Kindern allein da. Völlig überfordert. Denn er kam erst spät abends von seiner Arbeit auf der Werft in Bremen nach Hause. Eine Freundin der Familie gab schließlich die Anzeige in der katholischen Wochenzeitung auf.

Agnes Büscher aus Kettenkamp im nördlichen Landkreis Osnabrück, damals 36, hatte die Suche schon aufgegeben. Mal war sie unglücklich verliebt, mal warb ein anderer Mann um sie, der ihr nicht gefiel. „Und auf einmal waren alle verheiratet und sie blieb übrig“, fasst Anke Lührsen zusammen. Also blieb Agnes auf dem elterlichen Hof und half ihren Bruder, der den Hof übernommen hatte. Bis die Annonce im Kirchenboten alles veränderte.

Ihr Vater, erzählt Anke Lührsen, habe sich mit zwei Frauen getroffen. Die eine kam aus Bremen und „war eigentlich eher sein Typ“. Aber sie konnte nicht viel mit den fremden Kindern anfangen. Mit Agnes Büscher verabredete er sich in einem Café in Bersenbrück. Sie verstanden sich auf Anhieb. Und er brachte seinen jüngsten Sohn Klaus mit. Anke Lührsen beschreibt es als „Liebe auf den ersten Blick“ – zwischen dem dreijährigen Klaus und ihrer Mutter. Der Junge kletterte gleich auf ihren Schoß und fragte: „Bist du meine neue Mama?“ Das innige Verhältnis hält auch ein Hochzeitsfoto ein halbes Jahr später fest: Klaus steht zwischen dem Paar und schmiegt sich eng an die Braut im weißen Kleid.

1967 wurde das erste gemeinsame Kind der Lührsens geboren, fünf Jahre später „gab es noch einen kleinen Unfall“. Anke Lührsen lächelt. „So ist es immer liebevoll gesagt worden, weil niemand mehr mit mir rechnete. Meine Mutter war schon über 40.“ Die neue Frau brachte Wärme und Geborgenheit mit ins Haus. Sie war streng, hatte aber ein großes Herz. Es war nie von Stiefmutter und Halbgeschwistern die Rede. Agnes Lührsen war für alle „die Mama“. Sie machte keine Unterschiede. Wer sie fragte, dem antwortete sie: „Ich habe fünf Kinder.“

Natürlich, sagt Anke Lührsen, sei die leibliche Mutter der drei Älteren nicht vergessen worden. Lange stand ein Foto von ihr im Wohnzimmer, und es gab zum Beispiel gemeinsame Friedhofsbesuche. „Aber als meine Mutter starb, merkte ich, wie wichtig sie auch für meine beiden älteren Schwestern war.“ Die eine sagte: „Wir hatten ganz viel Glück, dass Mama damals zu uns gekommen ist.“ Und die andere: „Ich weiß gar nicht, wo wir ohne Mama gelandet wären.“

Agnes Lührsen war eine tiefgläubige Frau, „sie hätte keinen evangelischen Mann geheiratet“. Mit einem Schmunzeln fügt Tochter Anke hinzu: „Papa war nicht so religiös, das wurde er erst, als Mama kam.“ Glaube, kirchliches Engagement und Kontaktfreude war und ist im Hause Lührsen genauso präsent wie der Kirchenbote. „Meine Geschwister und ich haben die Zeitung mehrere Jahre ausgetragen. Und später habe ich öfter darin gelesen als meine Mutter.“

Was sind ihre liebsten Kindheitserinnerungen? Anke Lührsen überlegt kurz. Mit ihrem Vater habe sie gern gekuschelt. Ihre Mutter habe die Geschwister jeden Morgen vor dem Schulweg gesegnet. „Das fand ich manchmal nervig, aber heute gehört das zu meinen schönsten Erinnerungen.“ Ihre älteren Schwestern schätzten sehr, „wie Mama Weihnachten zelebriert hat, mit Schmuck, weißer Tischdecke, schicken Kleidern und Kirchgang. Wir hatten nicht viel Geld, aber meine Eltern haben das ganze Jahr auf Weihnachten gespart, um uns eine Freude zu bereiten“.

Theo Lührsen starb 1989 nach einer Krebserkrankung. Da war seine jüngste Tochter erst 17. „Die ersten Jahre nach Papas Tod haben wir Weihnachten bei meinen älteren Geschwistern und ihren Familien verbracht. Bei einer Schwester dachte ich: genau wie Mama – sie hatte sich alles an Ritualen abgeschaut, bis hin zum Glöckchen zur Bescherung.“

Wenn Anke Lührsen die Kontaktanzeige von damals betrachtet, kommt ihr manchmal der Gedanke, ob die Ehe ihrer Eltern vielleicht ähnlich pragmatisch war wie der Anzeigentext. Aber dann schüttelt energisch sie den Kopf. „So tief und lange, wie Mama nach Papas Tod getrauert hat“ – das sei auf jeden Fall Liebe gewesen.

 

Anja Sabel